Naturgeschützte Frühjahrsblüher

Die Wiesenkuhschelle in der Vorharzlandschaft

Kuhschelle Einzelblüte kleinEin besonderer Schatz der heimischen Flora ist die Wiesenkuhschelle (Pulsatilla pratensis), die in der Vorharzlandschaft im Raum Quedlinburg noch einige Vorkommen aufweist. Die Blütezeit beginnt im März und dauert je nach Witterung bis Mitte April; auch Ende April können noch blühende Pflanzen angetroffen werden. Die Wiesenkuhschelle unterscheidet sich von anderen Kuhschellenarten, die bei uns nicht vorkommen, durch relativ kleine schwärzlich-violette Blüten, die meist zur Erde geneigt sind und mehr oder weniger geschlossen abblühen. In hohen Grasbeständen (des Vorjahres) sind die blühenden Pflanzen oft schwerKuhschelle Vollblüte klein zu entdecken. Nach der Blüte streckt sich der die Blüte tragende Stängelteil. In Wikipedia ist zum Fruchtstand folgende Beschreibung zu finden: „In einem kugeligen Fruchtstand stehen viele, kleine, spindelförmige Nüsschen („Achänen“) zusammen, die sich jeweils aus einem freien Fruchtblatt entwickeln, an denen der Griffel, stark verlängert und zottig behaart, einen Federschweif bildet. Die Früchte der Kuhschellen sind Federschweifflieger und bohren sich mit scharfen Spitzen durch hygroskopische Bewegungen noch tief in den Boden ein.“

Die charakteristische Erscheinungsform des Fruchtstandes hat zur volkstümlichen Bezeichnung „Teufelsbart“ geführt. Diese Fruchtstände, die sich bald nach der Blüte entwickeln, sind viel leichter zu entdecken als die Einzelblüten. Sie stellen einen ganz besonderen und längere Zeit sichtbaren Schmuck der Kuhschellen-Standorte dar.

Kuhschellen Samenträger kleinDie Wiesenkuhschelle ist eine Pflanzenart mit osteuropäischer bzw. pannonischer Verbreitung. Sie erreicht am Harz ihre absolute westliche Verbreitungsgrenze. Die Verbreitung reicht in Deutschland von der Neiße über den Raum Dresden (ohne in das Erzgebirge hineinzureichen) bis zum Nordharzvorland. In nördlicher Richtung gibt es ab der Oder bis hin zur Linie Harz – Lübeck viele Einzelvorkommen. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz differenziert sich die Art in schlecht abgrenzbare Kleinarten, die sich beim gegenwärtigen Wissensstand nicht durchgehend getrennt kartieren lassen. In Deutschland kommt wahrscheinlich nur die Unterart ssp. pratensis vor, die den nördlichen Teil des Art-Gesamtareals besiedelt. Im Süden wird diese Sippe durch die ssp. nigricans vertreten. Aufgrund dieser Nord-Süd-Differenzierung könnte die Verantwortung für Deutschland für den Erhalt der genannten Unterart höher ausfallen, als aus dem Areal der Gesamtart geschlossen werden kann. Nach der bisherigen Auffassung handelt es sich bei unseren Nordharz-Vorland- Vorkommen der Wiesenkuhschelle um die Unterart ssp. nigricans. Den Details der schwierigen Art-Diagnostik soll hier nicht weiter nachgegangen werden.

Wichtiger für den praktischen Naturschutz ist, wie der Erhalt der Vorkommen gerade an der Westgrenze des Vorkommensgebiets gesichert werden kann. Dazu gibt es wenig Hoffnungsvolles. Bei vielen Standorten handelt es sich um kleine isoliert Vorkommen. Dies gilt zum Beispiel für den Bestand auf dem so genannten Muschelberg in der Quedlinburger Feldflur. Die Spreuauflage aus den Grasresten der Vorjahre ist hier oft so dicht, dass die Samen kaum den erforderlichen Bodenschluss erreichen. Kommt es zu einer Keimung, unterliegen die sehr kleinen Keimpflanzen dem Konkurrenzdruck der übrigen Vegetation. Die einzelne Kuhschellenpflanze kann sehr alt werden – aber es kommt zu keiner Bestandsverjüngung. Da nicht an jedem der Reststandorte Schafhutung möglich ist, sollte unbedingt wieder das früher im Januar/Februar übliche Abbrennen der Grasfluren praktiziert werden.

Es drängt sich eine Frage auf: Wie ist es überhaupt zu dem großen ursprünglich geschlossenen Artareal gekommen, wenn heute viele Vorkommen in ihrem Fortbestand bedroht sind ? Hier kommt vermutlich einer biologischen Besonderheit aller Kuhschellenarten eine besondere Bedeutung zu: Werden Samen unreif ( vor dem Lösen aus dem Fruchtstand) ausgesät, keimen diese alle zu einem hohen Prozentsatz und beachtlich  schnell. Reifen die Samen an der Pflanze aus, keimen sie nur sehr verzögert (über mehrere Jahre verteilt) und nur zu einem sehr geringen Prozentsatz. Es ist gut vorstellbar, dass unter den Bedingungen des Vorkommens großer Tierherden (Nacheiszeit) oder unter den Bedingungen einer auf großen Flächen erfolgenden Hutung von Weidetieren unreife Samen von Kuhschellen in den Boden getreten werden und bei Sommerregen sofort auskeimten. So kann es durch spezifische ökologische Bedingungen zu einer großflächigen Verbreitung z. B. der Wiesenkuhschelle gekommen sein. Ganz offensichtlich ist dabei die Einwanderung nach der letzten Eiszeit aus dem südosteuropäischen Raum (und nicht direkt aus dem Süden)  erfolgt. Die Besiedlung der Flächen des heutigen Deutschland fand sicher dort ein Ende, wo sich nach der Eiszeit dichteKuhschellen Harslebener Berge klein Wald- oder Feuchtgebiete entwickelten. Dies würde die Arealgrenze im Nordharzvorland erklären. Gelangen keine unreifen Samen auf bzw. in den Boden bei gleichzeitigem Fehlen von Sommerregen, greift nur die für Kuhschellen typische Vermehrung: nur ganz wenige reife Samen keimen. Die Keimrate bzw. die Überlebensrate von Sämlingen ist in unserem Gebiet heute so gering, dass mit weiteren Verlusten bei den aus nur noch wenigen Exemplaren bestehenden Vorkommen zu rechnen ist. Um so mehr gilt, dass die noch vorhandenen individuenreichen Vorkommen ( z. B. im Naturschutzgebiet Harslebener Berge) vor der Samenreife beweidet werden sollten und die Bildung von Streuauflagen verhindert werden muss. Das giftige Kuhschellenkraut wird von Weidetieren nicht gefressen. Ein abschließender Hinweis: Die Wiesenkuhschelle eignet sich wegen ihrer kurzen Blütezeit und der relativ kleinen und unscheinbaren Blüte nicht für eine Gartenkultur.