Die Interessengemeinschaft Ornithologie und Naturschutz

Die nach Süden ziehenden Kraniche haben den Winter mitgebracht

Quedlinburg liegt im Bereich einer der beiden großen Vogelzuglinien der Kraniche Europas. Ab Ende Oktober bis Mitte November konnten so die Quedlinburger wieder wie jedes Jahr den Kranichzug beobachten. Insgesamt mehrere Tausende Tiere nahmen ihren Weg in ihre Zwischen- oder Winterquartiere direkt über unsere Stadt hinweg und weiter den Harz querend in Richtung Thüringen (der Stausee Kelbra hat sich zu einem großen Rastplatz entwickelt).Tage mit dichtem Nebel zwangen die Tiere dabei oft zum ausgesprochenen Tiefflug oder zum langen Kreisen über der Stadt. Die Zugbewegungen des Kranichs werden von den Mitgliedern des Ornithologenverbandes Sachsen-Anhalt e. V. seit Jahren aufmerksam beobachtet und erfasst. Die Feststellungen von rund 120 Beobachtern, darunter auch aus Quedlinburg, gestatten eine recht genaue Rekonstruktion der Kranichwanderwege quer durch Sachsen-Anhalt.

Der Durchzug erfolgt jedes Jahr ein wenig anders. Der Wegzug im Herbst ist weitaus imposanter anzusehen als im Frühjahr der Heimzug in die nordischen Brutgebiete. Dieser erfolgt schneller, in kleineren Gruppen und ohne langen Aufenthalt bei uns. Im Herbst 1997 zogen über unser Land rund 30 000 Kraniche. 2001 waren es rund 80 000 Tiere - ein bisheriger Rekord. Selbst im Winter können noch einzelne Tiergruppen der Kälte ausweichend unterwegs sein. Die Mehrzahl der Kraniche zieht aus Schweden, Norwegen oder aus dem Ostseeraum kommend über Brandenburg und Sachsen-Anhalt weiter nach Thüringen, dann in einem ca. 50 km breiten Streifen im Raum Marburg über Hessen weiter nach Nord-Frankreich und von hier nach Spanien in die Extremadura – einem für die Kraniche einzigartigen Überwinterungsgebiet. Ein Teil der Tiere fliegt sogar bis Marokko. Eine andere Zugroute führt über Polen, Ungarn (mit einem großen Rastplatz im Hortobagyi Nationalpark) , über den Balkan und über Israel bis nach Nord-Afrika. Dieser Weg wird von den Kranichen Finnlands, des Baltikums, Polens, Russlands und der Balkanländer bevorzugt. Die über uns hinwegziehenden Kraniche sind Graukraniche, des einzigen bei uns heimischen Vertreters dieser Vogel-Familie. Insgesamt gibt es weltweit mit Ausnahme Südamerika und Antarktika 15 verschiedene Kranicharten.

Der Graukranich ist eine imposante Erscheinung. Er erreicht eine Körperhöhe von 110 bis 130 cm. Er ist damit deutlich größer als der Weißstorch oder der Graureiher. Mit 220 cm Flügelspanne übertrifft er viele andere Vogelarten. Diesen wunderbaren Vogel kann man am besten in dem Rastgebiet Vorpommersche Boddenküste oder in dem Binnenland-Rastgebiet Rhin/Havelluch beobachten. In den letzten Jahren sind hier für die breite Öffentlichkeit Beobachtungsmöglichkeiten errichtet worden. In der Nähe des Kranichinformationszentrums Großsmohrsdorf – in den Günzer Wiesen – kann man sogar Beobachtungshütten mieten und hier umgeben von Tausenden von Kranichen diese aus nächster Nähe fotografieren und filmen oder einfach nur im Verlauf eines ganzen Tages beobachten – ein einmaliges Erlebnis mit Tieren unserer Heimat. Freilich ist dafür Sitzvermögen der Beobachter gefragt. Das Beobachtungsversteck muss vor Sonnenaufgang bezogen sein und darf erst nach Abflug der Kraniche zu den oft weit entfernten Schlafplätzen verlassen werden. Dabei bietet die Beobachtung des schnellen abendlichen Massenabflugs ebenfalls ein einzigartiges Schauspiel. Der auf Störungen sehr empfindlich reagierende Kranich wird in seinem Bestand nur durch den Menschen gefährdet. Verstärkte Freizeitaktivitäten der Urlauber, Veränderungen in der Landwirtschaft und die Anlage von Windkraftanlagen haben auf der Insel Rügen zum Verlassen der einstmals großen Rastgebiete geführt !

In ganz Europa setzen sich mit steigender Tendenz immer mehr Menschen für den Schutz des Kranichs ein, der in der Mythologie vieler Völker als glücksbringender Vogel verstanden wird. Nun ist im Raum Quedlinburg das kilometerweit vernehmbare unentwegte Trompeten und melodischen Rufen der den Harz überquerenden Kraniche verklungen. Eine nachfolgende Kaltfront hat den ersten Winter gebracht.